Bachs grosse Passion

Können Worte erfassen, was Bach in seiner Matthäus-Passion geschaffen hat? Die Frage mag obsolet scheinen, schliesslich gibt es kaum ein anderes Werk in der Musikgeschichte über das soviel nachgedacht, geschrieben und gesagt wurde. Und doch erfasst uns noch heute eine gewisse Sprachlosigkeit angesichts dieser monumentalen Komposition. Wie ein gewaltiges Kaleidoskop eröffnet sie den Zuhörenden wie den Interpret_innen immer wieder neue Perspektiven. Bachs Matthäuspassion ist im besten Sinne barock und steht in ihrem Umfang, in ihrer Besetzung mit zwei Chören, zwei Orchestern und (in der heutigen Praxis) mehreren Gesangssolist_innen, sowie dem ungeheuren Reichtum an Formen, Satzarten und Ausdrucksmitteln dennoch solitär im musikalischen Schaffen ihrer Zeit. Zum ersten Mal erklang die Matthäuspassion vermutlich am Karfreitag 1727 in der Thomaskirche in Leipzig. Ihren Siegeszug trat sie jedoch erst hundert Jahre später nach der Wiederaufführung durch Felix Mendelssohn-Bartholdy im Jahre 1829 an. In Folge dieser wirkungsmächtigen Aufführung wurde die Passion zu einem der zentralsten Werke der Kirchenmusik und zu einem Meilenstein der westlichen Kunstmusik erhoben.

Partitur Matthäuspassion

Durch Raum und Zeit

Der Regisseur Peter Sellars bezeichnete die Passion einst als „Zeit und Raum umspannendes Ritual“. Tatsächlich spielen jene physikalischen Gegebenheiten eine zentrale Rolle. Es wird angenommen, dass bei der Aufführung der zweiten, heute üblichen, Fassung der Matthäuspassion 1737 die beiden Chöre und Orchester getrennt auf den gegenüberliegenden Emporen aufgestellt waren und sich die Kirchgänger dadurch in der Mitte des Geschehens befanden. Während dem ersten Chor auf der Hauptempore die Rolle der „Töchter Zion“ zukommt, stellt der zweite Chor die Gläubigen, also die Menschen der Gegenwart, dar. Der erste Chor, bei dem sich auch der Evangelist, sowie die handlungstragenden Figuren befinden, erzählt unmittelbar die Handlung, der zweite kommentiert aus räumlicher und zeitlicher Distanz das Geschehen. Auf einmalige Weise gelingt es Bach den Tod und die Leiden Jesu Christi mit den individuellen Schicksalen zu verknüpfen und wird so zur universellen Parabel auf Leben und Tod. Dabei verlangt uns der Komponist einiges ab. Er fordert die Menschen auf, sich selbst zu befragen und in sich selbst zu gehen. Gleich im mächtigen Eingangschor gebietet der erste Chor „Kommt“ „Sehet“ worauf der zweite Chor nachhakt: Wen? Wie? Was? Wohin?. Die Matthäuspassion grübelt, zweifelt, meditiert und verhandelt die Frage nach dem eigenen Glauben und nach der eigenen Schuld. Für diese Reflexionen dienen die freien Dichtungen des Bach-Freundes Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) sowie die Choräle, die Bach dem Evangeliums-Text gegenüberstellt.

Architektur einer Seelenreise

Herausragend ist auch die ausgeklügelte Dramaturgie, die die ganze Passion umspannt. Die beiden Teile des Werks werden durch grosse Chöre gerahmt. Der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ erscheint fünfmal auf verschiedenen Tonstufen und verbindet die Abschnitte der Handlung. An der zentralen Stelle, dem Tod Jesu, erscheint der Choral in seiner innigsten Bearbeitung über den Text „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir“. Danach erfolgt die Einsicht der Soldaten „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“, ein kurzer ungemein zarter Chorsatz mit dem alle Gewalt aus der Komposition zu entweichen scheint. Immer innerlicher wird die Musik, stille Trauer und hoffnungsvolle Andacht zugleich.

Diesen Momenten des Innehaltens und Reflektierens, die wir in den Chorälen und den solistischen Arien finden, steht die hochdramatische Erzählebene des Evangelisten gegenüber. Die Rezitative präsentieren den Evangelisten als teilhabenden Erzähler, der mitten aus dem Geschehen zu berichten scheint. Auf dieser rezitativischen Ebene treten auch die Protagonisten der Handlung plastisch hervor und kommen in direkter Rede zu Wort. Eine Besonderheit stellen dabei die Jesus-Worte dar, die von den Streichern mit einem klingenden Heiligenschein begleitet werden.

Nicht minder dramatisch sind die Chorpartien. In der Nummer „Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden“ beschwört Bach mit rasenden Bewegungen und scharfen Dissonanzen einen Gewittersturm von opernhafter Grandezza herauf. Im zweimal sich steigernden Choreinwurf „Lass ihn kreuzigen!“ schraubt sich der Satz zur extremen Tonart Cis-Dur hoch – was sich im Schriftbild durch viele Kreuz-Vorzeichen manifestiert. Auch die Instrumentierungen variieren stark, von den opulentesten Tutti-Passagen bis hin zur fragilsten Kammermusik, wie etwa in der Sopran-Arie „Aus Liebe“, die nur von einer Flöte und zwei Oboen begleitet wird. Stets sucht Bach nach der maximalen Ausdrucksstärke und plastischen Textausdeutung, ohne dabei je plakativ zu werden. So auch im Rondo-artigen Schlusschor, ein Trauergesang, der eigenwillig zwischen Dur und Moll, zwischen Trost und Klage, oszilliert bis er mit schmerzhaftem Vorhalt in den Schlussakkord mündet.

Die Matthäuspassion ist trotz ihrer monumentalen Anlage ein intimes Glaubensbekenntnis und, nicht zuletzt, überwältigende Musik.

Moritz Achermann

 

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J.S.Bach